Contrapaso 2 Für Erwachsene, mit Vorbehalt

Madrid, 1956: Der Mord an einem kirchlichen Zensor führt Leon Lenoir, Emilio Sanz und Paloma Ríos in ein komplexes Netz aus Korruption, Schwarzmärkten und politischen Intrigen. Vor dem Hintergrund von Wohnungsnot und sozialer Verzweiflung stoßen sie auf eine brisante Affäre, während ein Serienmörder weiterhin sein Unwesen treibt.

Ein düsteres Madrid als Bühne

Mit Contrapaso 2 Für Erwachsene, mit Vorbehalt entführt Teresa Valero erneut in ein Madrid, das von Schatten durchzogen ist. Die Atmosphäre des Oktobers 1956 wird dabei so dicht und greifbar geschildert, dass man beinahe den Staub der Straßen und die Enge der Elendsquartiere spürt. Der Fund eines toten kirchlichen Zensors in einem Kinosessel bildet den Auftakt zu einer Geschichte, die von Beginn an eine unheilvolle Spannung aufbaut und mir von der ersten Seite  an durchgängig gefallen hat. 

Ein Kriminalfall mit Symbolkraft

Der Mord selbst ist mehr als nur ein Verbrechen – er ist ein Statement. Der Filmstreifen im Mund des Opfers wirkt wie ein bitterer Kommentar zur Zensur und Kontrolle in der Franco-Ära. Valero gelingt es, diesen symbolischen Einstieg nicht platt wirken zu lassen, sondern organisch in die Handlung einzubetten. Dadurch wird der Fall sofort politisch aufgeladen, ohne die kriminalistische Ebene zu vernachlässigen.

Die Rückkehr bekannter Figuren

Leon Lenoir, Emilio Sanz und Paloma Ríos knüpfen nahtlos an ihre bisherigen Entwicklungen an. Besonders Sanz sticht hervor: Seine Besessenheit von dem Serienmörder, der weiterhin im Hintergrund agiert, verleiht der Geschichte eine zusätzliche, fast schon obsessive Spannung. Die Figuren wirken greifbar, fehlerhaft und menschlich – genau das, was diesen Comic so stark macht. Leon ist aber hier mein absolutes Highlight. Seine Vergangenheit wird genauer beleuchtet und man zeigt auch klar welche Gefühle er früher für Paloma hatte. 

Ein Geflecht aus Intrigen

Die Ermittlungen führen tief in ein Netz aus Schwarzhändlern, Spekulanten und Regimefunktionären. Dabei gelingt es Valero, die verschiedenen Interessenlagen differenziert darzustellen. Niemand ist hier nur gut oder böse; vielmehr entsteht ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten, Angst und Opportunismus, das die Handlung immer wieder in neue Richtungen lenkt.

Sozialkritik als treibende Kraft

Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Wohnungsnot und der damit verbundenen Verzweiflung. Die Elendsquartiere sind nicht nur Kulisse, sondern ein zentraler Bestandteil der Erzählung. Valero zeigt eine Gesellschaft, die unter Druck steht, und Menschen, die gezwungen sind, moralische Grenzen zu überschreiten, um zu überleben. Diese Ebene verleiht dem Comic eine bemerkenswerte Tiefe.

Die Rolle des Kinos

Das Kino als Schauplatz und Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Es steht für Eskapismus, Kontrolle und zugleich für die Macht der Bilder. Gerade im Kontext der Zensur erhält dieses Element eine zusätzliche Bedeutungsebene, die den Comic auch thematisch zusammenhält.

Visuelle Umsetzung

Zeichnerisch überzeugt der Band durch eine detailreiche und stimmungsvolle Inszenierung. Die Panels sind oft dicht komponiert, ohne überladen zu wirken. Licht und Schatten werden gezielt eingesetzt, um die düstere Grundstimmung zu verstärken. Besonders die Szenen in den Elendsvierteln bleiben im Gedächtnis.

Erzähltempo und Struktur

Der zweite Band nimmt sich Zeit für seine Geschichte. Das Tempo ist bewusst gewählt und verlangt Geduld, belohnt diese aber mit einer intensiven und vielschichtigen Erzählung. Wer schnelle Auflösungen erwartet, wird hier möglicherweise herausgefordert – wer sich jedoch darauf einlässt, entdeckt eine sorgfältig aufgebaute Dramaturgie.

Für Erwachsene und das zurecht

Der Untertitel ist keineswegs übertrieben. Themen wie Korruption, Gewalt, moralische Grauzonen und gesellschaftliche Ungerechtigkeit machen den Comic zu einer anspruchsvollen Lektüre. Valero vertraut darauf, dass ihre Leser zwischen den Zeilen lesen können, und genau das hebt diesen Band von vielen anderen ab.

Fazit

Contrapaso 2 – Für Erwachsene, mit Vorbehalt ist kein leichter Comic, sondern ein forderndes Werk, das sich Zeit nimmt, seine Welt und Figuren zu entfalten. Was mir an dem Comic so gut gefallen hat ist nicht nur das Tempo, sondern auch die ausführlichen Dialoge und Textlänge. Die Mischung aus Kriminalgeschichte und politischem Drama funktioniert dabei hervorragend und sorgt für eine dichte, oft beklemmende Atmosphäre.

Besonders hervorzuheben ist die konsequente Verknüpfung von persönlichem Schicksal und gesellschaftlicher Realität. Die Figuren sind nicht nur Ermittler, sondern auch Produkte ihrer Zeit, gefangen in einem System, das sie gleichzeitig bekämpfen und nutzen müssen. Diese Ambivalenz macht die Geschichte glaubwürdig und intensiv.

Auch visuell setzt der Band Maßstäbe. Die detailreiche Darstellung Madrids und die sorgfältige Inszenierung der Szenen tragen entscheidend zur Wirkung bei. Man merkt auf jeder Seite, wie viel Sorgfalt in die Gestaltung geflossen ist, für mich visuell stark und definitiv perfekt passend zur Handlung. 

Allerdings verlangt der Comic uns einiges ab. Die komplexe Handlung und das eher gemächliche Tempo sind nicht für jeden geeignet. Wer jedoch bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit einer tiefgründigen und vielschichtigen Geschichte belohnt.

Insgesamt ist dieser zweite Teil eine beeindruckende Fortsetzung, die die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern in vielerlei Hinsicht übertrifft. Für mich mein bisheriges Highlight diesen Jahres. 

Vielen Dank an den Splitter Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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