Delusion 1

Im Seoul der 1930er-Jahre erhält der junge Maler Iho Yun den Auftrag, ein Porträt der geheimnisvollen Madame Song anzufertigen. Doch in ihrem abgeschotteten Hotel entdeckt er, dass die angeblich alte Frau erstaunlich jung aussieht und ein dunkles Geheimnis verbirgt. Je länger Yun dort bleibt, desto mehr gerät er in einen Strudel aus mysteriösen Ereignissen, übernatürlichen Kräften und tödlichen Geheimnissen.

Ein ungewöhnlicher Einstieg

Delusion 1 hat mich schon mit seiner Grundidee neugierig gemacht. Ein mittelloser Maler bekommt den Auftrag, das Porträt einer geheimnisvollen Frau anzufertigen – eigentlich klingt das zunächst gar nicht nach einer klassischen Horrorgeschichte. Doch genau diese ruhige Ausgangssituation funktioniert richtig gut, weil die Geschichte nicht sofort mit der Tür ins Haus fällt. Stattdessen baut Hongjacga Stück für Stück eine unangenehme Atmosphäre auf. Man merkt relativ schnell, dass mit Madame Song und ihrem Hotel etwas nicht stimmt, aber die Geschichte lässt einen bewusst im Unklaren darüber, was genau dahintersteckt.

Seoul als düstere Kulisse

Besonders gelungen finde ich das historische Setting. Das Seoul der 1930er-Jahre verleiht Delusion eine ganz eigene Atmosphäre, die sich deutlich von vielen anderen Mystery- und Horrorgeschichten unterscheidet. Die historische Umgebung wirkt dabei nicht wie eine bloße Dekoration, sondern unterstützt die gesamte Stimmung der Handlung. Das Hotel, die Kleidung, die Einrichtung und die gesellschaftliche Umgebung vermitteln zusammen ein Gefühl, als würde man in einen alten, düsteren Film hineingezogen werden. Gleichzeitig entsteht dadurch eine interessante Mischung aus historischem Drama, Mystery und klassischem Gothic-Horror.

Madame Song sorgt für Gänsehaut

Madame Song ist für mich ganz klar eine der spannendsten Figuren des ersten Bandes. Sie wirkt gleichzeitig elegant, geheimnisvoll und unglaublich unheimlich. Besonders interessant ist der Gegensatz zwischen ihrem äußeren Erscheinungsbild und dem Wissen darüber, dass sie eigentlich eine sehr alte Frau sein soll. Dadurch entsteht sofort die große Frage: Was genau ist diese Frau? Und warum scheint sie nicht zu altern? Hongjacga gibt darauf zwar nach und nach Hinweise, verrät aber nicht gleich alles. Genau das macht Madame Song so faszinierend, weil man ihr beim Lesen nie wirklich vertrauen kann.

Iho Yun als perfekte Perspektive

Auch Iho Yun funktioniert als Hauptfigur hervorragend. Er ist kein typischer Held, der mutig in jedes Abenteuer hineinläuft und sofort weiß, was zu tun ist. Stattdessen ist er ein eher gewöhnlicher Mann, der eigentlich nur einen gut bezahlten Auftrag erledigen möchte. Je mehr merkwürdige Dinge passieren, desto stärker wird aber seine Neugier geweckt. Als Leser entdeckt man die Geheimnisse gemeinsam mit ihm. Dadurch wirken viele Situationen besonders spannend, denn Yun weiß genauso wenig wie man selbst, wem er vertrauen kann und welche Ereignisse tatsächlich passieren.

Mystery statt stumpfer Horror

Was mir besonders gefällt: Delusion setzt nicht ausschließlich auf Schockmomente. Der Horror entsteht vor allem durch die Atmosphäre und die vielen offenen Fragen. Immer wieder bekommt man kleine Hinweise, die zunächst vielleicht nebensächlich wirken, später aber plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen können. Dazu kommen Lügen, Geheimnisse und Figuren, bei denen man sich nie ganz sicher sein kann, welche Informationen tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Dadurch entwickelt sich eine angenehme Paranoia beim Lesen. Man schaut irgendwann automatisch genauer hin und fragt sich, ob hinter jeder Kleinigkeit nicht doch mehr steckt.

Die Zeichnungen sind ein echtes Highlight

Optisch ist Delusion 1 ebenfalls ziemlich stark. Der Manhwa ist komplett in Farbe gehalten, und Hongjacga nutzt die Farbgestaltung sehr bewusst, um die Stimmung der jeweiligen Szene zu beeinflussen. Gerade die dunkleren Passagen funktionieren dadurch hervorragend. Gleichzeitig bleiben die Zeichnungen detailreich, sodass man sich die Räume, Figuren und Gegenstände gut anschauen kann. Besonders die Hotelkulisse passt perfekt zum Mystery-Thema. Die Zeichnungen wirken teilweise fast wie einzelne Filmaufnahmen und unterstützen dadurch den Eindruck eines düsteren historischen Thrillers. 

Das Erzähltempo gefällt mir

Das Erzähltempo fand ich ebenfalls angenehm. Delusion nimmt sich ausreichend Zeit, um seine Welt und seine Figuren aufzubauen, ohne dabei komplett auf der Stelle zu treten. Immer wenn man denkt, jetzt hätte man verstanden, was eigentlich vor sich geht, kommt die Geschichte mit einem neuen Detail um die Ecke. Natürlich kann man bei einigen Entwicklungen relativ früh Vermutungen anstellen, aber das hat meinen Lesespaß überhaupt nicht zerstört. Im Gegenteil: Ich fand es spannend zu beobachten, ob meine eigenen Theorien tatsächlich stimmen oder ob mich die Geschichte doch noch in eine andere Richtung führt.

Ein Auftakt mit vielen offenen Fragen

Als erster Band macht Delusion genau das, was ein guter Auftakt meiner Meinung nach machen sollte: Er beantwortet einige Fragen, stellt gleichzeitig aber noch viel mehr neue. Dadurch entsteht ein starker Cliffhanger-Effekt. Besonders die Hintergründe von Madame Song und die Ereignisse rund um die früheren Künstler machen neugierig auf die Fortsetzung. Man hat nach den 320 Seiten definitiv das Gefühl, dass man erst an der Oberfläche dieses großen Geheimnisses gekratzt hat. Die Reihe ist insgesamt auf drei Bände ausgelegt, wodurch die Geschichte einen überschaubaren Rahmen besitzt. 

Mein Gesamteindruck

Delusion 1 ist für mich ein richtig atmosphärischer Mystery-Horror-Auftakt, der vor allem durch sein ungewöhnliches Setting, seine geheimnisvolle Handlung und die starke visuelle Umsetzung punkten kann. Wer klassische Vampirgeschichten mag, dürfte hier einige vertraute Elemente entdecken, bekommt diese aber in einer ungewöhnlichen historischen Umgebung präsentiert. Besonders die Kombination aus Malerei, dem Haus, mysteriöser Frau und übernatürlichen Ereignissen funktioniert erstaunlich gut. Der Band liest sich dabei weniger wie ein gewöhnlicher Manga und teilweise eher wie ein düsterer Mysteryfilm. Genau dieser eigene Stil macht den Auftakt für mich so interessant. Delusion 1 hat mich vor allem deshalb überzeugt, weil die Geschichte ihre Geheimnisse nicht sofort auf den Tisch legt. Stattdessen wird man gemeinsam mit Iho Yun immer tiefer in diese seltsame Welt hineingezogen. Madame Song bleibt dabei eine Figur, über die ich unbedingt noch mehr erfahren möchte. Auch die Zeichnungen tragen enorm zur Wirkung bei. Die Vollfarboptik passt hervorragend zum historischen Horror und schafft gerade in den dunkleren Szenen eine richtig beklemmende Stimmung. Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich lediglich, dass man bei bestimmten Entwicklungen relativ früh eine Vermutung haben kann. Das nimmt der Geschichte aber nur wenig Spannung, weil anschließend noch genügend andere Fragen und Wendungen aufkommen. Wer Mystery, Horror, Vampire und historische Settings miteinander kombiniert sehen möchte, sollte sich Delusion 1 definitiv einmal genauer anschauen.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert