PIGPEN 2 

Ein Mann erwacht ohne Erinnerungen an einem paradiesischen Strand und sucht nach seiner Identität. Eine Familie hilft ihm, doch bald erkennt er, dass hinter der idyllischen Fassade Wahnsinn und Täuschung stecken. Mit zurückkehrenden Erinnerungen wird klar, dass auch er selbst zu allem fähig ist.

Ein Albtraum im Paradies, der Horror nimmt Fahrt auf

Mit PIGPEN 2 führen Carnby Kim und Zeichner SICK die beklemmende Geschichte um den namenlosen Mann fort, der ohne Erinnerungen auf einer scheinbar idyllischen Insel erwacht ist. Was im ersten Band bereits als verstörendes Psychospiel begann, entwickelt sich hier zu einem noch dichteren, unheilvolleren Horrortrip. Die Traumkulisse aus Strand, Meer und gastfreundlicher Familie wirkt zunehmend wie eine sorgfältig aufgebaute Falle und genau darin liegt die große Stärke dieses Bandes. Was mir daran insgesamt so gut gefällt ist, dass wir hier spannende Entwicklungen haben, die die Geschichte vorantreiben und zugleich bleibt vieles hier noch gerade die Familie betreffend ein Mysterium. 

Zwischen Geborgenheit und Bedrohung

Die Familie, die den Mann aufgenommen hat, bleibt das zentrale Element der Geschichte. Auf den ersten Blick kümmern sich alle rührend um ihn: gutes Essen, ein Dach über dem Kopf und freundliche Worte. Doch diese Wärme kippt immer wieder ins Gegenteil. Bis es hier dann zur absoluten Eskalation kommt und ein Kampf ums überleben beginnt. Wobei die Familie auch nur ein Mosaik in etwas viel größerem ist. 

Die Insel als psychologisches Labyrinth

Je länger der Mann auf der Insel bleibt, desto mehr Fragen tauchen auf. Warum weicht die Familie konkreten Antworten aus? Wieso bleibt Tod nicht Tod ? Und wie kann ein großes Gasthaus auf einer abgelegenen Insel überhaupt funktionieren? Band 2 nutzt diese Rätsel geschickt, um die Handlung voranzutreiben und die Spannung kontinuierlich zu steigern. Gerade das Ende funktioniert hier wirklich gut und macht neugierig auf den dritten Band. 

Erinnerungen als zweischneidiges Schwert

Besonders interessant ist die Entwicklung der Erinnerungen. Stück für Stück kehren Fragmente der Vergangenheit zurück, doch statt Klarheit bringen sie neue Zweifel. Schnell wird deutlich, dass der Protagonist selbst keine unschuldige Figur ist. Diese moralische Grauzone verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe und verhindert, dass man die Rollen zu einfach in Opfer und Täter einteilt.

Horror durch Ungewissheit

Der eigentliche Schrecken in PIGPEN 2 entsteht weniger durch Gewalt als durch psychologischen Druck. Situationen, die zunächst harmlos wirken, entwickeln plötzlich eine bedrohliche Wendung. Immer wenn der Mann glaubt, eine Möglichkeit zur Flucht gefunden zu haben, wird ihm der Weg erneut versperrt. Dieses Spiel mit Hoffnung und Verzweiflung hält die Spannung konstant hoch.

Die Familie als verstörendes Ensemble

Jedes Familienmitglied wirkt auf seine Weise merkwürdig. Besonders die Kinder, die zwischen Unschuld und verstörendem Verhalten schwanken, sorgen für einige der unheimlichsten Momente. Dass die jüngste Tochter beispielsweise ein Schwein geschlachtet haben soll, ist nur eines von vielen Details, die die idyllische Fassade bröckeln lassen und was im Stall vorgefunden wird, macht den Band und die Geschichte nur spannender. 

Visuelle Umsetzung mit starker Wirkung

Auch grafisch überzeugt der Band. SICK setzt auf klare, saubere Linien und ausdrucksstarke Gesichter, die Emotionen – manchmal bewusst überzeichnet deutlich transportieren. Die Charakterdesigns sind individuell und unterstrichen finde ich die Charakterzüge der Figuren. Besonders gelungen sind die Hintergründe, die die scheinbare Ruhe der Insel mit einer subtilen Bedrohung kombinieren.

Farbgestaltung und Panelaufbau

Die leicht kolorierten Panels tragen stark zur Stimmung bei. Häufig dominiert eine einzelne Farbe, die Emotionen verstärkt und Szenen eine bestimmte Atmosphäre verleiht. Gerade in den Nachtsequenzen oder in Momenten psychischer Anspannung entfaltet diese reduzierte Farbgestaltung ihre volle Wirkung.

Ein Thriller, der nicht loslässt

PIGPEN 2 bleibt seinem Stil treu: rätselhaft, düster und voller unerwarteter Wendungen. Die Geschichte verrät nie mehr, als der Protagonist selbst weiß, wodurch man direkt in seine Verwirrung hineingezogen wird. Das Ergebnis ist ein intensiver Psychothriller, der weniger auf schnelle Schockmomente als auf ein dauerhaftes Gefühl der Beklemmung setzt.

Fazit

PIGPEN 2 ist eine konsequente und starke Fortsetzung, die die Spannung des ersten Bandes nicht nur hält, sondern weiter ausbaut. Die Geschichte wird komplexer, die Atmosphäre dichter und die psychologischen Elemente rücken noch stärker in den Vordergrund. Besonders gelungen ist, wie geschickt Carnby Kim mit Erwartungen spielt und immer wieder neue Unsicherheiten schafft. Ein großer Pluspunkt ist die moralische Ambivalenz des Mannes. Dass seine Vergangenheit dunkle Seiten offenbart, macht die Handlung deutlich interessanter und verhindert einfache Identifikationsmuster. Dadurch entsteht ein Thriller, der nicht nur spannend, sondern auch charakterlich vielschichtig ist. Auch visuell bleibt der Manhwa auf hohem Niveau. Die ausdrucksstarken Figuren, die klaren Hintergründe und die gezielt eingesetzte Farbgebung unterstützen die düstere Grundstimmung perfekt. SICK gelingt es, psychologischen Horror auch visuell greifbar zu machen. Wer auf klassische Horror-Action hofft, könnte überrascht sein, denn PIGPEN setzt vor allem auf Atmosphäre, Rätsel und psychischen Druck. Genau darin liegt aber die besondere Stärke der Reihe. Die Geschichte entfaltet ihren Horror langsam und nachhaltig. Insgesamt ist PIGPEN 2 eine klare Empfehlung für Fans von Mystery, Psychothrillern und düsteren Charakterstudien. Der Band macht neugierig auf die weitere Entwicklung und beweist erneut, dass Horror oft dann am besten funktioniert, wenn das Unheimliche im Kopf entsteht.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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