Grün

Über Nacht verändern pflanzliche Mutationen die Menschheit. Das Phänomen löst Begeisterung und Ablehnung aus und führt zur Entstehung einer neuen Bewegung. Die Geschichte nutzt diese Metamorphose als Fabel, um gesellschaftliche Konflikte, den Umgang mit Natur, Akzeptanz von Veränderung und die Notwendigkeit der Entschleunigung zu thematisieren.

Ein unerklärlicher Wandel als Ausgangspunkt

Mit Grün veröffentlichen Patrick Lacan und Marion Besançon im Avant Verlag einen Comic, der sich langsam entfaltet und gerade dadurch seine volle Wirkung entfaltet. Die Ausgangsidee ist ebenso einfach wie verstörend: Über Nacht bringt die Menschheit Kinder zur Welt, deren Körper pflanzliche Merkmale tragen. Blätter wachsen aus Köpfen, Knospen sprießen aus Armen und Beinen, Wurzeln scheinen sich unter der Haut anzudeuten. Diese Metamorphose wird nicht erklärt, nicht kommentiert und nicht bewertet – sie geschieht einfach. Und genau diese Selbstverständlichkeit macht den Einstieg so stark.

Die Abwesenheit von Erklärungen

Grün verweigert sich konsequent klassischen Erzählmustern. Es gibt keine wissenschaftlichen Hintergründe, keine Schuldzuweisungen und keine apokalyptischen Szenarien. Stattdessen wird der Fokus ganz auf die Reaktionen der Menschen gelegt. Der Comic stellt damit eine entscheidende Frage: Müssen wir alles verstehen, um es akzeptieren zu können? Oder liegt genau darin unser Problem? Die fehlende Erklärung wirkt nicht wie ein Mangel, sondern wie ein bewusst gesetzter Freiraum für Interpretation.

Gesellschaft im Ausnahmezustand

Die pflanzlichen Mutationen wirken wie ein Brennglas für gesellschaftliche Spannungen. Begeisterung, Neugier, Hoffnung – aber auch Angst, Ekel und offene Ablehnung existieren nebeneinander. Lacan zeichnet kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit radikalem Wandel umgehen. Manche sehen in den Pflanzenkindern eine neue Form des Lebens, andere eine Bedrohung der „reinen“ Menschheit. Diese Vielschichtigkeit macht den Comic bemerkenswert aktuell.

Die „Pro-Menschheit“ als erschreckend reales Konstrukt

Besonders eindringlich ist die Darstellung der Pro-Menschheit-Bewegung, die sich zunehmend radikalisiert. Unter dem Deckmantel von Tradition und Schutz des Menschlichen formiert sich Widerstand gegen alles, was von der Norm abweicht. Ohne explizite Parallelen zu ziehen, erinnert diese Bewegung an reale politische und gesellschaftliche Strömungen unserer Zeit. Grün zeigt, wie schnell Angst in Ideologie umschlagen kann und wie leicht Empathie dabei verloren geht.

Natur nicht als Gegenpol, sondern als Teil des Selbst

Ein zentrales Thema des Comics ist das Verhältnis des Menschen zur Natur. Die pflanzlichen Körper sind keine fremden Wesen, sondern Erweiterungen des Menschlichen. Grün stellt die Trennung zwischen Natur und Kultur radikal infrage. Was passiert, wenn wir Natur nicht länger als etwas Äußeres betrachten, sondern als integralen Bestandteil unserer Existenz? Diese Perspektive verleiht dem Comic eine tief ökologische, fast philosophische Dimension.

Die Kraft der stillen Bilder

Marion Besançons Zeichnungen sind ruhig, zurückhaltend und von einer fast meditativen Qualität. Viel Weißraum, sanfte Linien und organische Formen bestimmen den visuellen Rhythmus. Die Pflanzenwesen wirken verletzlich, niemals monströs. Gerade diese Zartheit verstärkt die emotionale Wirkung. Die Bilder erklären nicht – sie lassen fühlen. Oft sagen sie mehr durch das, was sie weglassen, als durch das, was sie zeigen.

Entschleunigung als erzählerisches Prinzip

Grün liest sich langsam und will genau so gelesen werden. Der Comic verweigert sich bewusst der schnellen Pointe und dem dramatischen Höhepunkt. Stattdessen folgt er dem Rhythmus des Wachsens, des Wartens und des Beobachtens. Diese Entschleunigung ist kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Element der Aussage: Veränderung braucht Zeit, Akzeptanz noch mehr. In einer beschleunigten Welt wirkt diese Ruhe beinahe radikal.

Beziehungen im Wandel

Neben der großen gesellschaftlichen Ebene erzählt Grün auch von zwischenmenschlichen Beziehungen. Eltern müssen lernen, ihre Kinder neu zu sehen. Freundschaften verändern sich, Nähe entsteht dort, wo zuvor Distanz war. Die Metapher der verflochtenen Wurzeln zieht sich durch den gesamten Comic und steht für Bindungen, die wachsen, sich verändern und manchmal schmerzhaft neu ordnen müssen.

Eine leise, aber eindringliche Fabel

Am Ende ist Grün weniger eine Dystopie als eine sanfte Zukunftsfabel. Sie erzählt nicht vom Untergang, sondern von der Möglichkeit des Wandels. Der Comic fordert dazu auf, Kontrolle loszulassen, Unsicherheit auszuhalten und Veränderung nicht sofort als Bedrohung zu begreifen. Gerade weil Grün nie laut wird, entfaltet es eine nachhaltige emotionale Wirkung.

Wachstum braucht Mut

Grün ist ein Comic, der sich Zeit nimmt und diese Zeit auch von uns einfordert. Wer bereit ist, sich auf den ruhigen Erzählfluss einzulassen, wird mit einer vielschichtigen, berührenden Geschichte belohnt. Die pflanzliche Metamorphose dient dabei als kraftvolle Metapher für gesellschaftliche, ökologische und persönliche Veränderung.

Patrick Lacan gelingt es, hochaktuelle Themen wie Ausgrenzung, Angst vor dem Anderen und den Umgang mit Wandel in eine poetische Erzählung zu übersetzen. Statt einfacher Antworten bietet GrünFragen und vertraut darauf, dass diese weiterwirken.

Die Zeichnungen von Marion Besançon sind dabei weit mehr als Begleitung. Sie tragen die Geschichte, verleihen ihr Tiefe und Emotionalität und schaffen eine Atmosphäre, die lange bestehen bleibt. Besonders bemerkenswert ist die Haltung des Comics: Grün urteilt nicht. Es beobachtet, beschreibt und lässt Raum für eigene Gedanken. Diese Offenheit macht das Werk so stark und zugleich so menschlich. Insgesamt ist Grün ein eindrucksvoller, nachdenklicher Comic, der perfekt in das anspruchsvolle Programm des Avant Verlags passt. Eine Geschichte über Wurzeln, Wandel und das mutige Akzeptieren dessen, was wächst – ob wir darauf vorbereitet sind oder nicht.

Vielen Dank an den Avant Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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