Myther 1

In der Zukunft hat ein Wissenschaftler mit Myther ein Gerät entwickelt, das es Menschen ermöglicht, ihre Persönlichkeit nach den eigenen Vorstellungen zu verändern und sich so ein ideales Selbst zu erschaffen. Was zunächst wie der perfekte Weg zu einem besseren Leben klingt, entwickelt sich jedoch zu einem gesellschaftlichen Problem. 

Eine ziemlich spannende Grundidee

Schon die Grundidee von Myther hat mich neugierig gemacht. Ein Gerät, mit dem man seine eigene Persönlichkeit verändern und praktisch zum idealen Menschen werden kann, klingt auf den ersten Blick nach einer unglaublichen technischen Errungenschaft. Gleichzeitig steckt darin aber auch eine ziemlich unangenehme Frage: Was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr lernen müssen, mit unseren Schwächen zu leben, sondern sie einfach löschen können? Genau aus diesem Gedanken entwickelt Teki Yatsuda einen düsteren Science-Fiction-Krimi, der deutlich mehr sein möchte als eine reine Actiongeschichte.

Perfektion mit Nebenwirkungen

Besonders interessant ist, dass Myther nicht einfach als futuristisches Spielzeug dargestellt wird. Die Gesellschaft hat sich durch diese Technologie bereits verändert. Menschen können ihrem Idealbild näherkommen, doch gleichzeitig entstehen dadurch neue Probleme. Persönlichkeitszusammenbrüche und die daraus resultierenden Verbrechen zeigen ziemlich schnell, dass die vermeintliche Perfektion einen hohen Preis haben kann. Dadurch bekommt die Geschichte eine angenehm düstere Atmosphäre, bei der man sich ständig fragt, wie viel Kontrolle ein Mensch über seine eigene Identität eigentlich haben sollte. 

Kyou als Hauptfigur

Im Mittelpunkt steht Kyou, der als Agent des Sonderinformationsbüros gegen die sogenannten Myther-Crimes vorgeht. Dabei gefällt mir vor allem, dass er nicht einfach als klassischer Held präsentiert wird, der von Fall zu Fall rennt und am Ende den Bösewicht erledigt. Seine Tätigkeit ist wesentlich stärker mit den politischen und institutionellen Strukturen dieser Welt verbunden. Er handelt aus Loyalität gegenüber den Behörden, wodurch automatisch die Frage entsteht, ob er tatsächlich die Menschen schützt oder vielleicht nur die Interessen derjenigen durchsetzt, die über ihm stehen. 

Eine Welt voller Geheimnisse

Yatsuda lässt sich außerdem angenehm viel Raum, um die Welt von Myther geheimnisvoll wirken zu lassen. Nicht alles wird sofort erklärt, und genau das sorgt dafür, dass man beim Lesen aufmerksam bleibt. Statt einem sämtliche Hintergründe direkt auf dem Silbertablett zu servieren, werden immer wieder neue Fragen aufgeworfen. Gerade bei einem Science-Fiction-Thriller funktioniert dieses Vorgehen meiner Meinung nach ziemlich gut, denn dadurch entsteht das Gefühl, gemeinsam mit Kyou langsam hinter die Fassade dieser Gesellschaft zu blicken.

Düsterer Science-Fiction-Thriller

Atmosphärisch schlägt der Manga klar eine dunkle Richtung ein. Die Geschichte verbindet Science-Fiction, Krimi, Action und psychologische Elemente miteinander. Auch die offiziellen Beschreibungen ordnen Myther entsprechend als SF-Crime-Suspense beziehungsweise düsteren Science-Fiction-Thriller ein.  Besonders spannend finde ich dabei die Mischung aus futuristischer Technologie und einer Welt, die gleichzeitig nicht wie die typische Hochglanz-Zukunft wirkt. Dadurch bekommt das Szenario einen eigenen Charakter.

Die Zeichnungen sind ein echter Hingucker

Optisch kann Teki Yatsuda ebenfalls ordentlich punkten. Die Zeichnungen wirken detailliert und verleihen gerade den düsteren Szenen die nötige Atmosphäre. Charaktere werden sehr ausdrucksstark dargestellt und auch bei den actionreicheren Momenten kommt ordentlich Dynamik auf. Gleichzeitig passt der Zeichenstil hervorragend zur Geschichte, weil er dieses leicht melancholische, düstere und teilweise bizarre Gefühl unterstützt. Wer Manga vor allem wegen einer starken visuellen Präsentation liest, dürfte hier einiges entdecken.

Keine klassische Wohlfühl-Zukunft

Was mir an der Welt besonders gefällt, ist der Gegensatz zwischen dem Versprechen von Myther und den tatsächlichen Konsequenzen. Die Technologie wird schließlich mit dem Wunsch verkauft, ein besserer Mensch zu werden. Doch genau dieser Wunsch nach Perfektion kann offensichtlich ins Gegenteil umschlagen. Das ist ein ziemlich zeitgemäßes Thema, denn die Geschichte beschäftigt sich letztlich mit Selbstoptimierung, gesellschaftlichen Erwartungen und der Frage, ob ein Mensch überhaupt „perfekt“ sein muss. Die internationale Beschreibung bringt dieses Konzept ebenfalls auf den Punkt und stellt Myther als Technologie dar, die Menschen ihr ideales Selbst ermöglichen soll, während im Hintergrund blutige Verbrechen entstehen. 

Der Einstieg verlangt Aufmerksamkeit

Ganz ohne kleine Schwächen kommt der erste Band allerdings nicht davon. Myther 1 wirft relativ viele Begriffe, Zusammenhänge und Informationen in den Raum, weshalb man beim Lesen durchaus aufmerksam bleiben sollte. Wer einen Manga sucht, bei dem man einfach abschalten und sich von einer unkomplizierten Handlung berieseln lassen kann, könnte hier zunächst etwas überfordert sein. Gerade weil noch nicht alle Hintergründe erklärt werden, bleiben nach dem ersten Band einige Fragen offen. Für einen Auftakt einer mehrteiligen Geschichte empfinde ich das allerdings eher als bewusst gesetzten Cliffhanger denn als echtes Problem.

Ein Auftakt mit ordentlich Potenzial

Unterm Strich ist Myther 1 für mich ein Manga, der vor allem durch seine ungewöhnliche Grundidee und seine Atmosphäre neugierig auf die Fortsetzung macht. Die Kombination aus Persönlichkeitsmanipulation, Verbrechen, staatlichen Geheimnissen und der Suche nach dem perfekten Selbst bietet genügend Stoff für eine größere Geschichte. Dabei wirkt der Band nicht wie ein gewöhnlicher Sci-Fi-Action-Manga, sondern versucht gleichzeitig gesellschaftliche und psychologische Fragen einzubauen. Die Reihe ist zudem noch laufend, sodass sich die Geschichte in den kommenden Bänden weiter entfalten kann.  Für mich ist die größte Stärke von Myther 1 ganz klar das Konzept. Die Vorstellung, seine Persönlichkeit wie eine Software verändern zu können, ist gleichzeitig faszinierend und ziemlich beunruhigend. Auch Kyou funktioniert als Hauptfigur gut, gerade weil seine Position innerhalb dieser Welt einige interessante Fragen aufwirft. Seine Loyalität gegenüber den Behörden macht ihn nicht automatisch zum typischen strahlenden Helden. Optisch kann der Manga ebenfalls überzeugen. Die Zeichnungen passen hervorragend zu der düsteren Science-Fiction-Atmosphäre und verleihen der Geschichte einen eigenen Look. Ein bisschen Geduld sollte man allerdings mitbringen. Der erste Band erklärt zwar das grundlegende Prinzip von Myther und führt Kyou sowie die Welt ein, hält aber bewusst einige Informationen zurück. Myther 1 ist damit ein interessanter Auftakt für eine düstere Science-Fiction-Krimi-Reihe.

Vielen Dank an Panini Manga für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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