Alice in Borderland: Doppelband-Edition 2

Ryohei beginnt das Borderland zu durchschauen, doch wegen ablaufender Visa müssen er und seine Freunde sich einem besonders gnadenlosen Spiel stellen, das die Tücken der Regeln und die geringe Überlebenschance offenbart.

Willkommen zurück im tödlichen Spiel

Mit der Doppelband-Edition 2 von Alice in Borderland beweist Haro Aso erneut, warum diese Manga-Reihe so fesselnd und gnadenlos zugleich ist. Nach den schockierenden Ereignissen des ersten Bandes ist klar: Das Borderland ist kein zufälliger Albtraum, sondern ein ausgeklügeltes System, das seine Teilnehmer Stück für Stück zermürbt. Genau an diesem Punkt setzt der zweite Doppelband an und zieht die Spannung merklich an.

Die Geschichte fühlt sich dabei deutlich ernster und fokussierter an. Wo zuvor noch Verwirrung und pures Chaos dominierten, steht nun ein gefährliches Halbwissen im Mittelpunkt. Ryohei glaubt, endlich verstanden zu haben, wie das Borderland funktioniert – doch diese Erkenntnis ist trügerisch und vielleicht sogar gefährlicher als völlige Ahnungslosigkeit.

Ryoheis Erkenntnis: Verstehen heißt nicht Überleben

Ryohei entwickelt sich zunehmend vom passiven Mitläufer zum denkenden Strategen. Er analysiert die Spiele, beobachtet Muster und glaubt, aus vergangenen Fehlern gelernt zu haben. Diese Entwicklung wirkt glaubwürdig und organisch, denn sie entspringt nicht Heldentum, sondern purer Notwendigkeit.

Doch genau hier liegt eine der zentralen Aussagen dieses Bandes: Verstehen allein reicht nicht. Das Borderland ist nicht fair, nicht logisch im menschlichen Sinne und schon gar nicht gnädig. Selbst wer glaubt, die Regeln zu kennen, kann jederzeit scheitern.

Der Zeitdruck: Wenn die Visa ablaufen

Ein zentrales Spannungselement sind die ablaufenden Visa von Ryoheis Freunden. Sie fungieren als tickende Zeitbomben, die jede Entscheidung unter enormen Druck setzen. Ein falscher Schritt bedeutet nicht nur Niederlage, sondern den Tod.

Dieser permanente Countdown sorgt dafür, dass sich selbst ruhige Szenen bedrohlich anfühlen. Es gibt keine echten Pausen, kein Durchatmen – das Borderland lässt seine Opfer niemals los.

Das neue Spiel: Tückisch, grausam, unbarmherzig

Das neue Game, dem sich die Gruppe stellen muss, gehört zu den bisher perfidesten der Reihe. Auf den ersten Blick scheinen die Regeln klar formuliert, fast schon simpel. Doch schnell wird deutlich, dass genau darin die Falle liegt.

Haro Aso spielt hier meisterhaft mit Erwartungen. Das Spiel bestraft nicht nur Fehlentscheidungen, sondern auch falsches Vertrauen und vorschnelle Sicherheit. Jeder Schritt kann tödlich sein, selbst wenn er logisch erscheint.

Besonders erschütternd ist die Erkenntnis, dass nicht jeder überhaupt eine reale Überlebenschance hat. Das Borderland kennt keine Chancengleichheit – manche Figuren sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Gruppendynamik und Moral

Die Gruppendynamik rückt in diesem Doppelband stark in den Fokus. Freundschaft, Loyalität und Zusammenhalt werden nicht romantisiert, sondern gnadenlos auf die Probe gestellt. Gute Absichten reichen nicht immer aus, um andere zu retten.

Der Manga stellt dabei unbequeme moralische Fragen: Ist es richtig, andere zu opfern, um selbst zu überleben? Wie viel Verantwortung trägt man für die Entscheidungen der Gruppe? Klare Antworten gibt es nicht – und genau das macht die Geschichte so eindringlich.

Atmosphäre und Zeichnungen

Zeichnerisch bleibt Alice in Borderland auf konstant hohem Niveau. Die klaren Linien und detailreichen Hintergründe erzeugen eine bedrückende, fast klaustrophobische Stimmung, selbst in offenen Räumen.

Besonders gelungen sind die Gesichtsausdrücke: Angst, Verzweiflung, Hoffnung und Wahnsinn spiegeln sich eindrucksvoll wider. Oft sagen die Bilder mehr als lange Dialoge.

Erzähltempo und Dramaturgie

Das Erzähltempo ist straff, ohne gehetzt zu wirken. Ruhige, nachdenkliche Momente wechseln sich mit extremen Spannungsspitzen ab und sorgen dafür, dass man den Band kaum aus der Hand legen möchte. 

Fazit

Die Doppelband-Edition 2 von Alice in Borderland markiert einen entscheidenden Wendepunkt innerhalb der Reihe. Haro Aso verlässt endgültig die Phase des reinen Schockeffekts und vertieft stattdessen die Mechaniken, Themen und moralischen Abgründe des Borderlands. Die Geschichte fühlt sich dadurch reifer, komplexer und deutlich bedrückender an als zuvor.

Besonders eindrucksvoll ist, wie der Manga mit dem Konzept von Hoffnung umgeht. Hoffnung existiert zwar, doch sie ist fragil, trügerisch und oft mit einem hohen Preis verbunden. Selbst Figuren, die scheinbar alles richtig machen, sind niemals sicher. Diese permanente Unsicherheit erzeugt eine Spannung, die weit über klassische Survival-Action hinausgeht. Ryoheis Entwicklung verleiht dem Band zusätzliche emotionale Tiefe. Er ist kein strahlender Held, sondern ein Mensch, der lernt, mit Schuld, Verantwortung und Angst umzugehen. Seine Entscheidungen wirken nachvollziehbar, gerade weil sie nicht immer richtig sind – und genau darin liegt ihre Stärke. Auch thematisch überzeugt der Doppelband auf ganzer Linie. Fragen nach Fairness, freiem Willen und moralischer Verantwortung ziehen sich konsequent durch die Handlung. Das Borderland wird dabei weniger als Ort, sondern vielmehr als gnadenloses System dargestellt, das Menschen gegeneinander ausspielt und ihre innersten Schwächen offenlegt.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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