Search and Destroy 1

In einer düsteren, retro-futuristischen Welt leben Menschen und künstliche Wesen, die Kreas, nebeneinander. Die junge Waise Doro gerät an die geheimnisvolle Hyaku, die mit ihren kybernetischen Fähigkeiten einen brutalen Rachefeldzug führt. Als Baby wurden Hyaku Körperteile genommen und verkauft, weshalb sie nun Jagd auf die Verantwortlichen macht und sich zurückholt, was ihr gestohlen wurde.
Eine düstere Zukunft voller Gewalt
Mit Search And Destroy liefert Atsushi Kaneko eine ungewöhnliche Neuinterpretation von Osamu Tezukas Klassiker Dororo. Statt im feudalen Japan landet man hier in einer dreckigen, kaputten Zukunft, in der Menschen und künstliche Wesen gemeinsam leben, aber keineswegs gleichberechtigt sind. Schon die ersten Seiten machen klar, dass diese Welt alles andere als gemütlich ist. Krieg, Armut, Kriminalität und Ausbeutung gehören zum Alltag. Kaneko schafft damit eine Atmosphäre, die gleichzeitig faszinierend und unangenehm wirkt – und genau das macht den Manga so interessant.
Hyaku, eine Heldin mit Wut im Bauch
Im Mittelpunkt steht Hyaku, und die Gute ist wirklich keine klassische Manga-Heldin. Sie taucht plötzlich auf, schlägt mit brutaler Konsequenz zu und hinterlässt bei ihren Gegnern nicht gerade viel von deren ursprünglicher Körperform. Besonders spannend ist dabei, dass man zunächst nur langsam versteht, was hinter ihrer Wut steckt. Hyaku ist keine eindimensionale Kampfmaschine. Ihr Rachefeldzug hängt unmittelbar mit ihrer Vergangenheit zusammen, denn ihr wurden als Baby Körperteile genommen und an mächtige Kreas verkauft. Dadurch bekommt ihre Gewalt eine tragische Dimension.
Doro sorgt für eine interessante Dynamik
Neben Hyaku spielt Doro eine wichtige Rolle. Das Waisenmädchen ist selbst eine Außenseiterin und versucht, in dieser erbarmungslosen Welt irgendwie zu überleben. Nachdem Hyaku sie vor den Yakuza rettet, entsteht zwischen den beiden eine interessante Verbindung. Doro ist dabei nicht einfach nur irgendein Sidekick, sondern bringt eine ganz andere Perspektive in die Geschichte. Während Hyaku von ihrer Vergangenheit und ihrem Rachedurst angetrieben wird, geht es Doro zunächst vor allem ums Überleben. Genau dieser Unterschied macht die beiden als Duo spannend.
Cyberpunk trifft auf Yakuza-Thriller
Was Search And Destroy besonders reizvoll macht, ist die Mischung verschiedener Genres. Der Manga verbindet Cyberpunk, Science-Fiction, Action, Thriller und klassische Elemente einer Rachegeschichte. Dazu kommt die Yakuza-Thematik, wodurch die Handlung immer wieder in eine kriminelle Unterwelt führt. Gleichzeitig fühlt sich die Welt nicht wie ein glattpolierter Zukunftsentwurf an. Alles wirkt dreckig, gefährlich und ein bisschen heruntergekommen. Dadurch bekommt das Szenario einen ganz eigenen Charakter.
Gewalt ohne große Zurückhaltung
Wer empfindlich auf brutale Szenen reagiert, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Kaneko geht bei den Kämpfen durchaus zur Sache. Körper werden aufgeschlitzt, mechanische Bestandteile fliegen durch die Gegend und Hyaku macht nicht gerade den Eindruck, als würde sie ihre Gegner um eine friedliche Lösung bitten. Die Gewalt ist allerdings nicht einfach nur Selbstzweck. Sie unterstreicht, wie brutal diese Welt funktioniert und wie tief Hyakus Hass sitzt. Der Manga richtet sich deshalb auch klar an ein erwachseneres Publikum.
Die Zeichnungen sind ein echtes Highlight
Optisch hat Search And Destroy einiges zu bieten. Atsushi Kaneko arbeitet mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten und erschafft dadurch eine sehr düstere Bildsprache. Gerade die Kreas mit ihren mechanischen Körperteilen wirken teilweise gleichzeitig faszinierend und verstörend. Die technischen Details werden immer wieder schön gezeigt, ohne dass die Seiten dadurch komplett überladen wirken, man hat hier einen schön einfachen und doch komplexen Stil. Auch die Action kommt sehr dynamisch daher. Bewegungen, Kämpfe und Explosionen besitzen ordentlich Energie.
Eine Welt, die mehr erzählt als nur eine Rachegeschichte
Unter der ganzen Action steckt außerdem eine interessante gesellschaftliche Ebene. Menschen und Kreas leben zwar gemeinsam in derselben Welt, doch von Gleichberechtigung kann keine Rede sein. Ausgerechnet jene künstlichen Wesen, die einst für den Krieg produziert wurden, werden nun selbst ausgebeutet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Gleichzeitig kämpft auch Doro als armes Waisenkind ums Überleben. Dadurch beschäftigt sich der Manga ganz nebenbei mit Themen wie Ausgrenzung, Macht, sozialer Ungleichheit und Ausbeutung.
Ein starker Auftakt
Als erster Band funktioniert Search And Destroy richtig gut. Kaneko erklärt seine Welt nicht seitenlang mit irgendwelchen Infodumps, sondern lässt den Leser vieles direkt über die Handlung entdecken. Dadurch bleiben einige Fragen offen, aber genau das erzeugt Neugier. Wer ist Hyaku wirklich? Wer hat ihr das angetan? Welche Rolle spielen die mächtigen Kreas? Und wie weit wird Hyaku auf ihrem Rachefeldzug gehen? Der erste Band beantwortet einige Fragen, wirft aber gleichzeitig genügend neue auf, sodass man wissen möchte, wie es weitergeht.
Dororo neu gedacht
Besonders gelungen ist letztlich, wie Kaneko die Grundidee von Tezukas Dororo in eine komplett andere Umgebung überträgt. Die Vorlage bleibt erkennbar, aber Search And Destroy fühlt sich keineswegs wie eine bloße Kopie an. Statt Schwertern und Dämonen gibt es Maschinen, Cyborgs und eine dreckige Zukunftsgesellschaft. Hyaku wird dabei zu einer kompromisslosen Figur, deren Geschichte deutlich erwachsener und härter erzählt wird. Wer düstere Science-Fiction mit ungewöhnlichen Figuren und einer gehörigen Portion Action mag, bekommt hier einen sehr interessanten Einstieg.
Fazit
Search And Destroy 1 hat mich vor allem mit seiner ungewöhnlichen Mischung überrascht. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick wie ein wilder Cyberpunk-Actionmanga, besitzt aber deutlich mehr Tiefe, wenn man sich auf die Welt und Hyakus Vergangenheit einlässt.
Besonders Hyaku bleibt dabei schnell im Gedächtnis. Sie ist geheimnisvoll, brutal und gleichzeitig tragisch. Man weiß noch nicht alles über sie, aber gerade diese Lücken machen ihre Figur spannend. Doro bildet dazu einen schönen Gegenpol und sorgt dafür, dass die Geschichte nicht ausschließlich aus Rache und Gewalt besteht. Auch optisch kann der Manga ordentlich punkten. Die düsteren Zeichnungen, die mechanischen Körper und die teilweise sehr heftigen Actionszenen passen hervorragend zu dieser kaputten Zukunft. Kanekos Stil besitzt dabei eine ganz eigene Handschrift und macht den Manga schon von der Optik her unverwechselbar.
Wer mit Dororo vertraut ist, dürfte besonders viel Spaß daran haben, die bekannten Grundideen in dieser völlig neuen Form wiederzuentdecken. Aber auch ohne Kenntnis der Vorlage funktioniert Search And Destroy als eigenständige Geschichte. Der Band erklärt genug, um problemlos in die Welt hineinzukommen, ohne dabei jede Kleinigkeit vorzukauen. Unterm Strich ist Search And Destroy 1 ein starker und ungewöhnlicher Auftakt für eine düstere Science-Fiction-Reihe. Die Mischung aus Rachegeschichte, Cyberpunk, Yakuza-Thriller und gesellschaftskritischen Themen funktioniert überraschend gut. Dazu kommen starke Zeichnungen, eine interessante Hauptfigur und jede Menge offene Fragen, die Lust auf den nächsten Band machen. Wer es gerne düster, brutal und etwas abseits des Manga-Mainstreams mag, sollte Hyakus Rachefeldzug definitiv im Auge behalten.
Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Neueste Kommentare