Royal City 1

Royal City von Jeff Lemire erzählt die Geschichte von Patrick Pike, einem gescheiterten Autor, der in seine Heimatstadt zurückkehrt und dort mit seiner zerrütteten Familie und den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird, allen voran seinem verstorbenen Bruder Tommy.
Ein Blick in die Geister der Vergangenheit
Jeff Lemire ist bekannt für seine melancholischen, zutiefst menschlichen Geschichten, die sich oft um Familien, Verluste und die Geister der Vergangenheit drehen. Mit Royal City kehrt er thematisch zu seinem früheren Meisterwerk Essex County zurück und erzählt die Geschichte der Familie Pike, eine zerbrochene Familie, die von Erinnerungen an den verstorbenen Tommy heimgesucht wird. Lemire übernimmt sowohl das Schreiben als auch die Zeichnungen, was dem Werk eine einheitliche, persönliche Note verleiht.
Eine Stadt, ein Name, ein Schicksal
Der Titel Royal City bezieht sich nicht nur auf den Handlungsort, eine ehemals florierende Industriestadt, sondern auch auf die Hauptfiguren selbst. Die Pikes sind untrennbar mit diesem Ort verbunden, ob sie es wollen oder nicht. Patrick, ein erfolgloser Schriftsteller, kehrt widerwillig zurück, nur um sich in alten Familienkonflikten und seiner eigenen Unzufriedenheit zu verlieren. Sein Bruder Richie kämpft mit Schulden und Alkoholproblemen, seine Schwester Tara steckt in einer unglücklichen Ehe fest, während ihre Mutter verzweifelt versucht, die Familie zusammenzuhalten. Und über allem schwebt Tommy oder besser gesagt: verschiedene Versionen von ihm, die jedem Familienmitglied in anderer Form erscheinen.
Tommy, ein verlorenes Leben in vielen Gestalten
Tommy ist der Kitt, der diese Geschichte zusammenhält. Doch er ist nicht nur eine Erinnerung, sondern taucht als reale Vision in den Köpfen seiner Hinterbliebenen auf. Jeder sieht ihn anders: Mal ist er ein unschuldiger Junge, mal ein junger Mann mit verborgenen Geheimnissen. Lemire nutzt diesen Kniff, um die Schuldgefühle, Sehnsüchte und verdrängten Emotionen der Familie Pike eindrucksvoll darzustellen. Tommy ist mehr als eine Figur, er ist ein Symbol für alles, was verloren ging und nie wieder zurückkehren kann.
Lemires unverwechselbarer Stil
Visuell bleibt Jeff Lemire sich treu. Sein lockerer, skizzenhafter Strich mag auf den ersten Blick roh wirken, doch genau darin liegt seine Kraft. Die blassen, oft aquarellartigen Farben verstärken die melancholische Atmosphäre der Geschichte. Besonders eindrucksvoll sind die stillen Momente, eine leere Straße, ein verlassenes Fabrikgebäude, ein nachdenklicher Blick aus dem Fenster. Royal City lebt von diesen Details und erzeugt eine beinahe greifbare Melancholie.
Themen: Familie, Erinnerung und Verlorenheit
Im Kern ist Royal City eine Geschichte über Familie und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen. Die Pikes sind gefangen in einem Kreislauf aus Reue, Nostalgie und unerfüllten Träumen. Lemire zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Trauer umgehen manche verdrängen, andere klammern sich an Erinnerungen, wieder andere zerbrechen daran. Gleichzeitig erzählt er eine subtil gesellschaftskritische Geschichte über das Sterben der Arbeiterklasse und den Zerfall alter Industriestädte.
Ein langsames, aber intensives Erzähltempo
Wer nach rasanter Action oder spektakulären Wendungen sucht, ist hier fehl am Platz. Royal City nimmt sich Zeit, seine Figuren und deren innere Kämpfe zu entfalten. Das kann stellenweise etwas zäh wirken, doch gerade diese Langsamkeit macht die Geschichte so eindringlich. Die Dialoge sind leise, aber bedeutsam, die Konflikte sind oft unausgesprochen, aber spürbar. Lemire baut Spannung nicht durch äußere Ereignisse auf, sondern durch die emotionalen Verstrickungen seiner Figuren.
Fazit: Ein leises Werk über Erinnerungen und Verluste
Jeff Lemire beweist mit Royal City einmal mehr, dass er ein Meister der subtilen, emotionalen Erzählkunst ist. Seine Figuren sind unperfekt, voller Fehler und gerade deshalb so menschlich. Es gibt keine einfachen Lösungen, keine klaren Antworten nur das Leben, das weitergeht, ob man bereit dafür ist oder nicht. Lemire schafft es, eine tieftraurige, aber dennoch hoffnungsvolle Geschichte zu erzählen. Im Kern ist Royal City eine Geschichte über Familie und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen. Die Pikes sind gefangen in einem Kreislauf aus Reue, Nostalgie und unerfüllten Träumen. Lemire zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Trauer umgehen manche verdrängen, andere klammern sich an Erinnerungen, wieder andere zerbrechen daran. Royal City zeigt, dass die Vergangenheit uns zwar prägt, aber nicht bestimmen muss. Es geht um Vergebung, nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst. Visuell und erzählerisch ist der Comic ein Gesamtkunstwerk. Lemires Zeichnungen transportieren Emotionen auf eine Weise, die Worte allein nicht könnten. Die blassen Farben und der lockere Strich verstärken die melancholische Grundstimmung und machen die Welt von Royal City lebendig. Natürlich ist das langsame Erzähltempo nicht jedermanns Sache. Manche Passagen ziehen sich, manche Konflikte bleiben bewusst vage. Doch gerade diese Zurückhaltung macht die Geschichte so authentisch. Wer Geschichten über Familie, Erinnerung und Verlorenheit mag, wird mit Royal City ein bewegendes, nachdenkliches Werk finden, das nachhallt.
Vielen Dank an den Skinless Crow Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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