Dragon Hunt Tribe

Nato ist ein Mädchen, das unter Drachen aufgewachsen ist und die menschliche Lebensweise nicht kennt. Der Drachenjäger Rudora entdeckt sie in einem Drachennest und bringt sie gegen ihren Willen in sein Dorf. Dort soll sie lernen, als Mensch zu leben, obwohl die Dorfbewohner ausgerechnet die Drachen jagen, die für Nato ihre Familie waren. Als ihr Gefährte Nabaji gefangen wird, gerät Nato zwischen die Menschen und die Drachen.

Eine Drachenwelt der etwas anderen Art

Dragon Hunt Tribe 1 startet nicht mit einer klassischen Fantasywelt, in der tapfere Helden auf ihren Pferden durch eine idyllische Landschaft reiten und irgendwann einem Drachen begegnen. Hier sind Drachen allgegenwärtig, gefährlich und ein fester Bestandteil des Lebens der Menschen. Gleichzeitig sind sie aber auch Beute. Genau diese Ausgangssituation verleiht dem Manga von Shiro Kuroi direkt eine ziemlich raue Atmosphäre. Schon früh wird deutlich, dass hier nicht einfach Gut gegen Böse kämpft, sondern dass Überleben, Nutzen und Moral ständig miteinander kollidieren.

Nato ist eine ungewöhnliche Hauptfigur

Besonders interessant ist natürlich Nato. Das Mädchen ist eigentlich ein Mensch, wurde aber von Drachen großgezogen und kennt deren Lebensweise besser als die der Menschen. Dadurch wirkt sie zunächst fast wie ein wildes Tier und muss erst lernen, sich in der menschlichen Gesellschaft zurechtzufinden. Genau daraus entstehen einige der spannendsten Momente des ersten Bandes. Für Nato sind Dinge selbstverständlich, die Menschen völlig fremd vorkommen und umgekehrt. Ihre Perspektive sorgt dafür, dass man die Welt nicht nur aus Sicht der Drachenjäger betrachtet.

Rudora und die schwierige Beziehung

Rudora ist dabei eine ebenfalls spannende Figur. Er ist ein erfahrener Drachenjäger und kennt die Gefahren dieser Welt genau. Als er Nato entdeckt, nimmt er sie kurzerhand mit ins Dorf. Ob man das nun als Rettung oder als Entführung betrachtet, bleibt durchaus eine interessante Frage. Denn Rudora handelt nicht unbedingt aus reiner Bosheit, gleichzeitig respektiert er Natos bisheriges Leben kaum. Genau diese Ambivalenz passt hervorragend zum Grundton der Geschichte und macht die Beziehung zwischen den beiden interessant.

Mensch oder Drache?

Der zentrale Konflikt des Mangas liegt für mich eindeutig in Natos Identität. Sie ist biologisch ein Mensch, emotional fühlt sie sich aber den Drachen verbunden. Für die Menschen ist sie ein Mädchen, das erzogen und an ihre Gesellschaft angepasst werden soll. Für Nato selbst sind die Drachen ihre Familie. Besonders deutlich wird dieser Konflikt, als ihr kleiner Drachenfreund Nabaji gefangen genommen wird. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, eine neue Sprache oder menschliche Verhaltensweisen zu lernen. Nato muss entscheiden, wem ihre Loyalität eigentlich gehört.

Eine Geschichte über Zusammenhalt

Trotz der düsteren Welt besitzt Dragon Hunt Tribe auch eine überraschend menschliche Seite. Nato beginnt, Kontakt zu anderen Kindern aus dem Dorf aufzubauen, und gerade die Freundschaft mit Ranaku entwickelt sich zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte. Diese Begegnungen verhindern, dass der Manga ausschließlich aus Drachenjagd, Gewalt und düsterem Worldbuilding besteht. Stattdessen bekommt Nato die Möglichkeit, langsam eine eigene Vorstellung davon zu entwickeln, was Familie und Freundschaft für sie bedeuten können.

Die Drachen sind mehr als bloße Monster

Ein großer Pluspunkt ist außerdem, dass die Drachen nicht einfach als austauschbare Gegner präsentiert werden. Aus Natos Perspektive bekommen sie eine ganz andere Bedeutung. Während die Menschen sie als gefährliche Kreaturen oder wertvolle Beute betrachten, verbindet Nato mit ihnen Erinnerungen und Gefühle. Dadurch stellt der Manga automatisch die Frage, wie weit Menschen gehen dürfen, wenn sie etwas als Ressource betrachten. Gerade diese moralische Ebene macht die Geschichte interessanter, als es der Titel zunächst vermuten lässt.

Shiro Kurois Zeichenstil

Optisch merkt man sofort, dass Shiro Kuroi weiß, wie man düstere Welten in Szene setzt. Die Zeichnungen sind detailreich, schwer und atmosphärisch. Gerade die Drachen wirken gewaltig und bedrohlich, während die Landschaften und Schauplätze eine raue, teilweise fast bedrückende Stimmung vermitteln. Auch die menschlichen Figuren passen hervorragend in dieses Setting. Besonders schön ist, dass die Zeichnungen nicht versuchen, die Welt unnötig hübsch aussehen zu lassen. Stattdessen wirkt vieles kantig, dreckig und gefährlich – genau so, wie es zu dieser Geschichte passt. Kuroi ist übrigens auch der Schöpfer von Leviathan, und sein ausgeprägter Hang zu düsteren Bildwelten ist hier ebenfalls deutlich zu erkennen. 

Action trifft Coming-of-Age

Was mir an Band 1 ebenfalls gefällt, ist die Mischung aus Abenteuer und Coming-of-Age. Nato muss nicht einfach irgendeinen Bösewicht besiegen. Ihr eigentlicher Kampf besteht darin, herauszufinden, wer sie selbst überhaupt sein möchte. Gleichzeitig gibt es genügend gefährliche Situationen und Drachen, damit die Geschichte nicht zu ruhig wird. Gerade dieser Wechsel zwischen persönlicher Entwicklung, Fantasy-Abenteuer und Bedrohung funktioniert ziemlich gut und gibt dem Manga eine angenehme Abwechslung.

Ein Auftakt mit vielen offenen Fragen

Als erster Band macht Dragon Hunt Tribe einiges richtig, weil er nicht versucht, bereits alles zu erklären. Die Welt wirkt groß und geheimnisvoll, und gerade über die Drachen gibt es noch einiges zu entdecken. Auch Natos Vergangenheit und ihre zukünftige Rolle innerhalb der menschlichen Gesellschaft bieten reichlich Stoff für weitere Entwicklungen. Wer gerne Fantasyreihen beginnt, bei denen sich die Welt Stück für Stück entfaltet, dürfte hier seinen Spaß haben. Dragon Hunt Tribe 1 hat mich vor allem durch seine ungewöhnliche Grundidee überzeugt. Ein Mädchen, das von Drachen großgezogen wurde und plötzlich in einer Gesellschaft landet, die genau diese Wesen jagt, bietet einfach reichlich Konfliktpotenzial.

Nato ist dabei eine Hauptfigur, die man schnell interessant findet. Sie muss nicht nur eine völlig fremde Welt kennenlernen, sondern gleichzeitig herausfinden, wo sie selbst hingehört. Gerade ihr Verhältnis zu den Drachen sorgt dafür, dass man die Ereignisse aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel erlebt.

Auch die Beziehung zu Rudora funktioniert gut, weil sie nicht einfach schwarz oder weiß dargestellt wird. Rudora ist Drachenjäger und handelt entsprechend, gleichzeitig wird schnell deutlich, dass hinter seiner Figur mehr steckt. Optisch kann der Manga ebenfalls überzeugen. Die düsteren und detailreichen Zeichnungen passen hervorragend zur rauen Fantasywelt, und besonders die Drachen machen einen imposanten Eindruck. Man bekommt hier keine weichgespülte Fantasy präsentiert, sondern eine Welt, in der jederzeit etwas Gefährliches passieren kann.

Insgesamt ist Dragon Hunt Tribe 1 ein interessanter Einstieg in eine düstere Fantasygeschichte, die Abenteuer, Drachen, Freundschaft und die Suche nach der eigenen Identität miteinander verbindet. Besonders die Frage, ob Nato Mensch, Drache oder vielleicht etwas dazwischen ist, macht neugierig auf die Fortsetzung.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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