Alice in Borderland: Doppelband-Edition 1

Ryohei landet mit Freunden durch ein mysteriöses Feuerwerk in einer Parallelwelt, die statt eines erhofften Neuanfangs ein tödliches Überlebensspiel ist.

Ein Einstieg, der sofort packt

Schon auf den ersten Seiten merkt man, wie gut Haro Aso das Lebensgefühl von Jugendlichen einfängt, die im Übergang zwischen Schule, Zukunftsangst und Orientierungslosigkeit stecken. Ryohei wirkt dabei nicht wie ein überzeichneter Manga-Held, sondern wie ein Typ, den man aus der Schule kennen könnte: ein bisschen verloren, ein bisschen frustriert, aber innerlich voller Sehnsucht nach einem Ort, an dem alles anders ist. Genau diese Alltäglichkeit macht die abrupte Katapultierung in die Parallelwelt so intensiv. Der Kontrast zwischen Normalität und absoluter Fremde könnte nicht stärker sein.

Der Wunsch nach Freiheit und seine brutale Kehrseite

Besonders stark wirkt, wie der Manga die Idee des “Ich will hier raus!” weiterdenkt. Jeder kennt diesen Wunsch, und genau deshalb trifft die Ernüchterung in Borderland so hart. Die Doppelband-Edition lässt viel Raum, diese Fallhöhe auszukosten: Ryohei glaubt für einen Moment wirklich, dass ihm alle Türen offenstehen und dann prallt er gegen eine Realität, die so brutal, logisch und kalt ist, dass wir selbst Gänsehaut bekommen. Die Parallelwelt wirkt nicht wie ein fremder Planet, sondern wie unsere Welt, nur verdreht und von jeder Menschlichkeit befreit.

Figuren, die glaubwürdig reagieren, nicht übermenschlich

Aso zeichnet Figuren, die nicht wissen, was sie tun sollen und gerade dadurch wirken sie real. Ryohei, Chota und Daikichi sind keine kampferprobten Helden, sondern normale junge Männer, die panisch werden, Fehler machen und dennoch über sich hinauswachsen. Die Doppelband-Edition zeigt das hervorragend, weil genügend Seiten vorhanden sind, um ihre Dynamik und ihre Konflikte auszubauen. Besonders spannend ist, wie unterschiedlich sie auf Gefahr reagieren, wie Stress ihre Prioritäten verzerrt und wie tief die Spiele in ihre Psyche schneiden.

Die Spiele als tödliches Herz der Handlung

Die Spiele sind weit mehr als reine Action-Einlagen. Sie funktionieren wie psychologische Experimente, die aufzeigen, wie Menschen sich in absoluten Extremsituationen verhalten. Dabei wirken sie nie konstruiert, sondern folgen einer inneren Logik, die sich nach und nach offenbart. Aso versteht es meisterhaft, Spannung nicht nur durch Gefahr zu erzeugen, sondern durch Entscheidungszwänge Momente, in denen man selbst mitfiebert und denkt: Was würde ich tun? Die Doppelband-Edition glänzt gerade dadurch, dass die Spiele in ihrer Härte und Cleverness besonders gut zur Geltung kommen.

Unberechenbarkeit als Stilmittel

Ein großer Reiz von Alice in Borderland liegt darin, dass völlig klar ist: Niemand ist sicher. Auch Leser, die viele Manga- oder Survivalspiel-Geschichten kennen, werden hier überrascht. Die Wendungen kommen zur richtigen Zeit, nie zu früh, nie zu spät, und sie wirken nie erzwungen. Stattdessen baut Aso eine Atmosphäre auf, in der jede Entscheidung das Potenzial hat, tödlich zu enden. Genau das macht die Geschichte so schwer wegzulegen man wird selbst in den Bann des Spiels gezogen.

Zeichnungen, die Wirkung zeigen

Der visuelle Stil passt perfekt zur tonalen Mischung aus Action und Psychologie. Die Panels sind dynamisch, klar strukturiert und schaffen es, sowohl chaotische Fluchtsequenzen als auch leise Momente intensiver Verzweiflung einzufangen. Besonders beeindruckend sind die Stadtlandschaften: leer, unheimlich, mit einem Hauch Endzeit, der nie übertrieben wirkt. Der Manga nutzt Licht, Schatten und Perspektive, um Emotionen zu verstärken – und die Todesgefahr in den Spielen wird visuell so gut eingefangen, dass man teilweise selbst ins Schwitzen kommt.

Themen, die unter die Haut gehen

Unter der Actionoberfläche verhandelt der Manga große Fragen: Was ist ein erfülltes Leben? Was bedeutet Freiheit? Wie viel Druck halten Menschen aus, bevor sie zerbrechen? Borderland wirkt wie eine groteske Spiegelung von Ryoheis inneren Konflikten. Besonders stark ist, wie der Manga zeigt, dass Flucht niemals eine Lösung ist – und dass man den eigenen Dämonen nicht entkommen kann, egal in welcher Welt man landet. Das verleiht der Geschichte einen Tiefgang, den man bei diesem Genre nicht unbedingt erwartet.

Ein Einstieg, der Lust macht auf viel mehr

Als Auftakt funktioniert die Doppelband-Edition hervorragend. Sie fühlt sich nicht wie ein fragmentarischer Anfang an, sondern wie ein abgeschlossener erster großer Schritt in ein viel größeres Mysterium. Man begreift nicht nur, wie Borderland funktioniert, sondern spürt auch, dass hinter allem ein riesiges Rätsel lauert. Diese Mischung aus Verständnis und offenen Fragen erzeugt einen Sog, dem man schwer entkommt.

Preisgekrönt und es ist absolut nachvollziehbar

Dass Alice in Borderland 2024 mit dem AnimaniA Award ausgezeichnet wurde, wundert nach dieser Doppelband-Edition niemanden. Die Geschichte ist fesselnd, modern erzählt, grafisch beeindruckend und auf eine Weise emotional, die lange nachhallt. Kein Wunder also, dass auch die Netflix-Serie auf dieser starken Vorlage aufbauen konnte – Aso liefert hier ein Werk ab, das sowohl Fans rasanter Action als auch Liebhaber tiefgehender Charakterstudien begeistert.

Ein starker, intensiver und emotionaler Auftakt

Die Doppelband-Edition ist nicht einfach nur der Anfang einer Reihe sie ist ein Statement. Aso zeigt früh, was er kann: packende Spannung, glaubwürdige Charaktere und eine Welt, die zugleich faszinierend und erschreckend ist. Die Mischung aus psychologischer Härte und Action bleibt lange im Gedächtnis. Alice in Borderland ist ideal für alle, die Geschichten suchen, die sowohl unterhalten als auch fordern. Die Spiele machen Spaß – auf eine grausame, nervenaufreibende Art – aber es sind die Figuren, die dafür sorgen, dass man weiterliest. Man investiert emotional, und genau das macht den Manga so stark.

Aso beweist, wie eng Zeichnungen und Erzähltempo miteinander verwoben werden können. Die Panels sind nicht nur schön, sondern funktional, spannungsfördernd und atmosphärisch dicht. Zusammen mit der klaren Struktur der Doppelband-Edition ergibt sich ein Lesefluss, der kaum unterbrochen werden kann. Dieser erste Doppelband macht klar, dass Borderland noch viele Geheimnisse birgt und dass die Geschichte noch viel härter, emotionaler und komplexer werden wird. Das Gefühl, “etwas Großem” beizuwohnen, stellt sich früh ein und bleibt bis zur letzten Seite. Wer Survivalstorys, psychologische Szenarien oder moderne Shonen/Seinen-Werke liebt, wird hier mehr als glücklich. Alice in Borderland: Doppelband-Edition 1 ist ein hervorragender Start, der zeigt, wie gut Manga sein können, wenn alle Elemente – Story, Figuren, Spannung, Zeichnung auf hohem Niveau zusammenspielen. Ein Muss für Fans des Genres.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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