Soma

Soma handelt von einem kleinen Volk, das in einer postapokalyptischen, verseuchten Welt mithilfe mächtiger Bäume überlebt. Als Lan für die Gemeinschaft geopfert werden soll, flieht sie mit Iri in ein unbekanntes, gefährliches Gebiet.
Einstieg in eine vergiftete Welt
Judith Kranz entwirft in Soma eine bedrückende Vision einer zerstörten Erde. Wasser, Luft und Boden sind verseucht, ein Klassiker der Postapokalypse und dennoch frisch erzählt. Schon auf den ersten Seiten spürt man die Beklemmung, die von der Umwelt ausgeht, und man ist sofort mitten in einer Welt, in der Überleben kein Zustand, sondern ein täglicher Kampf ist.
Die Soma ein kleines Volk in großer Gefahr
Besonders spannend ist die Darstellung des namensgebenden Volks der Soma. Klein, verletzlich und gleichzeitig zäh. Ihre Beziehung zur Natur genauer zu den Bäumen, die sie mit Nahrung und Leben versorgen ist faszinierend. Es wirkt wie ein zerbrechlicher Pakt, der nicht aus Vertrauen, sondern aus Not entstanden ist. Diese ambivalente Bindung ist erzählerisch stark und zieht durch das ganze Werk.
Das Opfer und die Flucht
Der erzählerische Wendepunkt kommt, als Lan sich für die Gemeinschaft opfern soll. Damit schlägt der Comic eine düster–existenzielle Richtung ein: Ist das Individuum etwas wert, wenn das Kollektiv ums Überleben kämpft? Lans Flucht gemeinsam mit Iri bildet einen emotionalen Kern, der die Geschichte antreibt ohne großes Pathos, aber mit spürbarer Dringlichkeit.
Reise in das Unbekannte
Die Mission ins verseuchte Niemandsland ist ein klassisches Abenteuer-Motiv, das hier aber mit einer bedrückenden Endzeitstimmung kombiniert wird. Der Gedanke, dass keine Forschungsgruppe je zurückgekehrt ist, lässt jede Seite mit neuen Gefahren rechnen. Kranz steigert Spannung nicht über Action, sondern über Atmosphäre und Andeutungen ein erzählerischer Ansatz mit Sogwirkung.
Die Bäume, bedrohliche Verbündete
Eine der stärksten Ideen des Comics ist der Baum als Lebensspender und zugleich Bedrohung. Eine Naturkraft, die Bewusstsein und Macht besitzt und dennoch kein menschliches Moralverständnis hat. Hier spürt man ganz klar Einflüsse Miyazakis, in dessen Werken Natur kein romantisches Dekor ist, sondern ein eigenes Wesen, das eigene Ziele verfolgt.
Bildgewalt in Bleistiftgrau
Die detailreichen Bleistiftzeichnungen sind unglaublich atmosphärisch. Sie erzeugen eine raue, unsichere Stimmung, als wären die Figuren und Landschaften selbst am Zerfallen. Jede Schraffur wirkt gesetzt, jede Fläche atmet. Der Verzicht auf Farbe verstärkt das Gefühl von Vergänglichkeit und Trostlosigkeit ein mutiger Stil, der hervorragend funktioniert.
Langsame Erzählung mit emotionalem Kern
Soma nimmt sich Zeit, Figuren und Welt zu entfalten. Keine hektischen Panels, keine künstlichen Cliffhanger – stattdessen leises Entdecken, Zweifel, Angst. Dieser ruhige Rhythmus passt perfekt zur melancholischen Grundstimmung, könnte für Ungeduldige aber zu langsam wirken.
Inspirationsspuren und Eigenständigkeit
Vergleiche mit Miyazaki oder Feuchtenberger drängen sich auf, doch Kranz kopiert nicht – sie knüpft an ihre Bildsprache an und entwickelt daraus etwas Eigenes. Besonders die Mischung aus Endzeit, Naturmystik und feinen Figurendramen hat einen unverwechselbaren Ton.
Ein beeindruckendes Debüt
Dass dies das erste Werk der Hamburger Autorin und Zeichnerin Judith Kranz ist, überrascht. Bildsprache, Weltenbau, emotionale Nähe alles wirkt reif und durchdacht. Soma ist kein einfacher Comic, sondern ein Werk, das man fühlen und langsam entdecken muss.
FAZIT
Soma hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, weil es die Erwartungen an ein klassisches Endzeit-Abenteuer bewusst unterläuft. Statt auf Spektakel setzt der Comic auf emotionale Nähe, stille Momente und die Frage, was Gemeinschaft und Opferbereitschaft bedeuten, wenn das Überleben auf dem Spiel steht. Gerade diese leise Erzählweise sorgt dafür, dass man die Welt nicht nur betrachtet, sondern sich hineinfühlt: in die Enge des Dorfes, den Druck der Traditionen, die Angst vor dem Unbekannten. Hervorzuheben ist die künstlerische Umsetzung. Die Bleistiftzeichnungen sind nicht einfach ein Stilmittel, sondern verstärken die Grundthemen des Comics: Zerfall, Abhängigkeit, Übergang. Man spürt fast physisch, wie brüchig diese Welt ist – die Schatten, die Linien, die fehlende Farbe transportieren nicht nur Atmosphäre, sondern Emotion. Es ist ein Comic, den man langsam lesen will, weil jedes Panel kleine Nuancen offenbart. Auch erzählerisch überzeugt Soma. Die Beziehung der Soma zu den Bäumen eröffnet ein originelles Machtverhältnis zwischen Mensch und Natur, das weder utopisch noch apokalyptisch-romantisch verklärt ist. Wer klare Konfliktlinien oder rasante Wendepunkte sucht, könnte die ruhige Erzählweise als Hürde empfinden. Doch gerade dieser Mut zur Langsamkeit macht Soma besonders.
Unterm Strich ist Soma ein starkes Debüt, das zeigt, welches erzählerische Potenzial in Comics jenseits bekannter Genreklischees steckt. Judith Kranz gelingt es, einen überzeugenden Mix aus Fantastik, Endzeitdrama und Charakterstudie zu schaffen, der sowohl visuell als auch thematisch beeindruckt.
Vielen Dank an Reprodukt für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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