Die große Verdrängung

Als Roberto Grossi in den Alpen den Verlust der Gletscher erlebt, beginnt seine intensive Beschäftigung mit der Klimakrise. In seinem Comic verknüpft er Fakten, Geschichte und Politik mit sozialen und wirtschaftlichen Strukturen und legt dabei eine tiefere demokratische Krise offen: Warum handeln wir nicht?

Ein Comic mit Wucht

Wenn ein Comic es schafft, gleichzeitig nachdenklich, wütend und neugierig zu machen, dann lohnt sich ein genauer Blick. Die große Verdrängung von Roberto Gross ist genau so ein Werk. Was zunächst wie ein persönlicher Reisebericht beginnt ein Urlaub mit den Kindern in den Alpen – entwickelt sich zu einem schonungslosen Blick auf die Klimakrise und ihre Wurzeln.

Vom Familienschnappschuss zur globalen Frage

Besonders eindrucksvoll ist, wie der Auslöser der Geschichte etwas Alltägliches ist: eine Urlaubsbeobachtung. Der Verlust der Gletscher ist kein abstrakter Zeitungsartikel mehr, sondern eine körperliche Erfahrung. Gross nimmt uns genau dort mit hinein. Man spürt förmlich die Fassungslosigkeit, das Frösteln in der sommerlichen Bergluft.

Die Sprache des Comics als Erkenntnismotor

Gross nutzt die Bildsprache meisterhaft. Statt belehrend den moralischen Zeigefinger zu heben, lässt er Panels, Linien und Farben sprechen. Gerade die Verbindung von Text und Bild wirkt hier wie ein Hebel zur Erkenntnis: Die Klimakrise wird nicht erklärt – sie wird sichtbar gemacht.

Fakten, Gefühle und die große Frage nach dem Warum

Spannend wird es, weil Gross nicht nur wissenschaftliche Daten, historische Entwicklungen und politische Abhängigkeiten zusammenträgt, sondern immer wieder die Frage stellt: Warum handeln wir nicht? Ein Comic, der nicht nur informiert, sondern bohrt. Und zwar schmerzhaft.

Kapitalismus, Macht und soziale Ungleichheit

Besonders beeindruckend ist, wie Gross über den ökologischen Tellerrand hinausblickt. Er zeigt, wie Klimakrise, Kapitalismus und gesellschaftliche Ungleichheiten zusammenhängen. Das große Ganze – die Mechanismen hinter dem Nichtstun – wird sichtbar gemacht, ohne dass die Darstellung zu kompliziert wird.

Die Erzählung als Spiegel

Viele Panels wirken wie Spiegel, die uns als Gesellschaft vorgehalten werden. Passivität, Verdrängung, Bequemlichkeit Gross zeigt, wie eng diese Mechanismen mit der Klimakatastrophe verbunden sind. Das ist unbequem, aber notwendig.

Bildgestaltung und Stil

Auf grafischer Ebene glänzt das Werk mit einer Mischung aus dokumentarischer Sachlichkeit und poetischen Einsprengseln. Die Zeichnungen verstärken den Text, manchmal brechen sie ihn ironisch oder kontrastieren ihn pessimistisch. Das Resultat: ein künstlerischer Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Politische Wucht

Gross klagt nicht an, er analysiert. Er ordnet ein. Am Ende entsteht ein Blick auf eine tiefgreifende demokratische Krise: Institutionen, die eigentlich schützen sollten, wirken ohnmächtig oder verhindern Veränderung. Das macht wütend – und motiviert.

Ein Comic, der bleibt

​​Die große Verdrängung ist kein Comic, den man einmal liest und ins Regal stellt. Er brennt nach. Er verlangt Auseinandersetzung. Er verlangt Handeln. Und damit erfüllt er vielleicht seine wichtigste Funktion: Er macht bewusst und verweist auf unsere Verantwortung.

Ein Blick hinter die Verdrängung

Roberto Gross schafft mit diesem Werk weit mehr als einen Umweltcomic. Die große Verdrängung ist ein eindringlicher Versuch, das Schweigen zu brechen sowohl das gesellschaftliche als auch das persönliche.

Die Stärke des Comics liegt in der Mischung aus Aufklärung und Emotionalität. Er zeigt die Regeln des Spiels, in dem wir alle Mitspielende sind, ob wir wollen oder nicht. Und vor allem: welches Schweigen dafür sorgt, dass alles beim Alten bleibt. Aus der Beobachtung eines schmelzenden Gletschers wird ein globales Panorama. Der Comic erinnert daran, dass die Klimakrise kein isoliertes Naturphänomen ist, sondern eine soziale, politische und ökonomische Realität.

Das Werk fordert, aber es predigt nicht. Es lässt Raum zum Nachdenken – und trifft damit genau den Kern einer funktionierenden Klimakommunikation: Einsicht statt Einschüchterung. Wer Comics liebt, die Denkanstöße liefern, und sich für die Hintergründe der Klimakrise interessiert, findet in Die große Verdrängung ein eindrucksvolles Stück politischer Kunst. Ein Werk, das sich nicht verdrängen lässt und genau das ist seine wichtigste Botschaft.

 Vielen Dank an den Avant Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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