Der Abgrund des Vergessens 

Im September 1940 wird José Celda vom Franco-Regime erschossen und mit anderen Opfern in einem Massengrab verscharrt. Jahrzehnte später sucht seine inzwischen achtzigjährige Tochter Pepica nach seinen sterblichen Überresten. Möglich wird dies nur, weil der republikanische Totengräber Leoncio Badía damals heimlich dafür sorgte, die Ermordeten würdevoll zu bestatten und ihre Identifizierung zu ermöglichen.

Ein Comic, der sofort unter die Haut geht

Der Abgrund des Vergessens ist kein leichtes Comic für zwischendurch und will es auch gar nicht sein. Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass hier ein Kapitel europäischer Geschichte aufgeschlagen wird, das lange Zeit im Dunkeln lag. Rodrigo Terrasa und Paco Roca nehmen sich eines Themas an, das schmerzt, drückt und doch unbedingt erzählt werden muss: die systematischen Verschleppungen und Morde während und nach dem Spanischen Bürgerkrieg.

Eine Geschichte, die mit einem Schuss beginnt und Jahrzehnte später nachhallt

Der Ausgangspunkt die Ermordung José Celdas im September 1940 setzt den Ton für das gesamte Werk. Das Franco-Regime lässt 12 Männer verschwinden, und viele Jahrzehnte später beginnt die betagte Pepica, die Wahrheit über ihren Vater ans Licht zu bringen. Dass dieses späte Aufbegehren überhaupt möglich ist, verdankt sie einem Mann, den das Comic in ein besonders menschliches Licht rückt: Leoncio Badía, dem Totengräber.

Leoncio Badía: Ein stiller Held ohne Pathos

Badía ist einer dieser Figuren, die sich nicht als Held sehen, aber heldenhaft handeln. Ein Republikaner, der trotz Lebensgefahr versucht, Würde zu bewahren, wo das Regime sie systematisch raubt. Rocas Darstellung macht ihn nicht zu einer Ikone, sondern zu einem leisen, glaubwürdigen Menschen, der mit Mut und Mitgefühl das tut, was niemand tun sollte Massengräber anlegen und gleichzeitig das einzig Richtige tut: Er hilft Angehörigen, ihre Toten wiederzufinden.

Ein Comic als Werkzeug gegen das Vergessen

Terrasa und Roca zeigen nicht einfach Ereignisse, sie werfen ein grelles Licht in ein Kapitel, das in Spanien lange Zeit politisch, gesellschaftlich und familiär verdrängt wurde. Der sogenannte „Pakt des Schweigens“ ist im Werk ständig präsent – als Druck, als Tabu, als Nebel, der sich nur mühsam zerstreuen lässt.

Die visuelle Sprache: Erzählen mit Schatten, Linien und Leere

Paco Roca zeichnet gewohnt sensibel. Sein Strich ist unaufdringlich, klar, emotional präzise. Besonders eindrucksvoll sind die Panels, die Leere zeigen – Gruben, Felder, Aktenräume – denn diese Leere ist nie leer. Sie ist aufgeladen mit Erinnerung, Gewalt und Trauer. Der Comic arbeitet stark mit Licht und Schatten, und genau das passt perfekt zu seinem Thema: Es geht um Räume, die hell gemacht werden müssen.

Historische Härte ohne Sensationslust

Stilistisch und erzählerisch balanciert der Band meisterlich zwischen Dokumentation und persönlichem Drama. Es gibt keine voyeuristischen Momentaufnahmen, kein unnötiges Ausstellen der Gewalt. Stattdessen baut der Comic auf Interviews, Recherchen und Zeitzeugenberichte – und vermittelt gerade dadurch den Schrecken umso direkter.

Pepica als emotionale Achse der Erzählung

Die inzwischen über achtzigjährige Tochter wird zur Stimme jener Generation, die mit einem Schweigen leben musste, das nicht selbst gewählt war. Ihre Reise ist nicht nur eine Suche nach Knochen, sondern nach Wahrheit, Gerechtigkeit und einem Abschluss, der ihr sieben Jahrzehnte lang verwehrt blieb.

Ein Werk, das historische Zahlen greifbar macht

Die 100.000 bis 150.000 Verschwundenen des Bürgerkriegs sind keine abstrakte Statistik mehr, nachdem man diesen Comic gelesen hat. Jede Geschichte, jede Figur, jeder Blick in diesem Buch zeigt: Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, eine Familie, ein Riss im sozialen Gefüge Spaniens, der bis heute nicht verheilt ist.

Der gesellschaftliche Wert des Comics

Der Abgrund des Vergessens leistet einen Beitrag zur Erinnerungskultur, wie es ihn in dieser Form selten gibt. Es ist ein leiser, aber hartnäckiger Akt des Widerstands gegen das kollektive Vergessen – und gleichzeitig eine Einladung, sich mit einem Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen, das noch lange nicht abgeschlossen ist.

Fazit

Das Comic zeigt eindrucksvoll, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht optional ist. Wer die Opfer vergessen lässt, lässt auch die Täter ungestört. Terrasa und Roca erinnern uns daran, dass Erinnerung ein lebendiger Prozess ist, der ständig neu angestoßen werden muss.

Man spürt in jeder Seite, wie viel Respekt und Sorgfalt in das Werk geflossen sind. Die Mischung aus persönlicher Betroffenheit, historischer Genauigkeit und erzählerischem Gespür macht das Comic zu einem Ausnahmetitel. Das Werk gibt all jenen ein Gesicht, die verschwunden, verscharrt oder zum Schweigen gezwungen wurden. Besonders Leoncio Badía wird zum Symbol dafür, dass selbst im dunkelsten Kapitel der Geschichte Menschen existieren, die Menschlichkeit bewahren. Man bleibt nicht nur berührt zurück, sondern auch nachdenklich. Man klappt das Buch zu und trägt es weiter mit sich – als Frage, als Mahnung, als Impuls, selbst genauer hinzusehen, wenn Geschichte verdrängt werden soll. Der Abgrund des Vergessens ist ein herausragendes Werk, das in keiner Sammlung fehlen sollte – weder bei Comic-Fans noch bei Menschen, die sich mit Geschichte, Erinnerungskultur oder gesellschaftlicher Aufarbeitung beschäftigen. Ein wichtiges, mutiges, tief bewegendes Buch.

Vielen Dank an den Reprodukt Verlag für die Bereitstellung  des Rezensionsexemplars. 

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